Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

Geschichte

Zahnärztliche Institut 1933

Das Zahnärztliche Institut in Jena wurde bereits vor mehr als 100 Jahren gegründet

Bis zum 18. Jahrhundert war die "Zahnheilkunde" Angelegenheit eines von der ärztlichen Kunst und Wissenschaft fast völlig getrennten, ja isolierten Berufsstandes. Barbierchirurgen und Zahnbrecher, die als Wundärzte zweiter oder dritter Klasse einen besonders niedrigen Rang besaßen, übten diesen Beruf aus. Im 19. Jahrhundert setzten sich besonders die von Pierre Fauchard und Phillip Pfaff erarbeiteten Kenntnisse zwar mehr und mehr durch, fanden auch bedingt Anerkennung, aber von einer wissenschaftlich ausgerichteten Zahnheilkunde konnte auch zu dieser Zeit nicht gesprochen werden. Trotz widriger Umstände ließ sich die Forschung nicht aufhalten: Es bildeten sich zahnärztliche Schulen und Institute, zuerst in den USA, später auch in Deutschland, deren Charakter allerdings sehr unterschiedlich war. 1891 stellte Adolph Witzel den Antrag auf Genehmigung zur Errichtung eines zahnärztlichen Institutes in Jena. Ein Jahr später hielt er seine Probevorlesung und nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten erfolgte am 25. April 1893 die Gründung des Zahnärztlichen Lehrinstitutes an der Jenaer Universität. Die Ausrüstung bestand aus 6 OP-Stühlen; 6 Studenten bildeten das 1. Matrikel. Vier Jahre später besaß das Institut, gemessen an der Zahl der eingeschriebenen Hörer, bereits eine führende Position unter vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland. Enttäuscht über zahllose Rückschläge und mangelnde finanzielle Unterstützung reichte Witzel schon 1901 seinen Rücktritt ein. Auch sein Nachfolger, Theodor Deppendorf, verließ aus gleichen Gründen Jena. Erst 1907 bewilligte der Landtag die notwendigen Gelder, und Gustav Hesse wurde nach Jena berufen.
Die Entwicklung und Spezialisierung der Zahnheilkunde in Jena veranlasste das Kulturministerium des Großherzoglich-Sächsischen Staates im Jahre 1920, zwei gleichgestellte Abteilungsleiter mit getrennten Arbeitsgebieten zu bewilligen. Am 1. April 1921 übernahm Adolph Klughardt den Lehrstuhl für Prothetik und Orthodontie, während Gustav Hesse den Lehrstuhl für Operative und Konservierende Zahnheilkunde behielt. 1937 konnte das von Klughardt für seine Abteilung entworfene Klinikgebäude in der Bachstraße 18 bezogen werden. Hesses Klinikteil fiel noch im April 1945 einem Bombenangriff zum Opfer, so dass im Gebäude der Prothetisch-Orthopädischen Abteilung auch die Chirurgisch-Konservierende mit untergebracht werden musste. Mit der Wiedereröffnung der Klinik 1946 wurde Werner Streuer als kommissarischer Leiter eingesetzt und mit der Wiederaufnahme des Unterrichts in beiden Abteilungen (d.h. in vier Fachgebieten!) betraut. Die 1952 erfolgte Berufung von Gerhard Henkel nach Jena entlastete nicht nur Streuer, sondern führte auch zum Ausbau der Prothetik und Werkstoffkunde.

Zunehmende Differenzierung und Spezialisierung

Nach dem Tode Streuers 1965 wurde die bisherige Abteilung in zwei selbständige Einrichtungen, die Abteilung für Kiefer-Gesichts-Chirurgie und die Abteilung für Konservierende Zahnheilkunde getrennt und 1966 Harry Heiner und Georg Lange auf die entsprechenden Lehrstühle berufen. Die Verselbständigung dieser beiden Disziplinen, die längst erforderlich war, wirkte sich äußerst positiv aus und fand ihren Niederschlag in Lehre, Forschung und medizinischer Betreuung. Mit einer Erweiterung der Kieferchirurgie um 15 Betten wurde 1976 auch der Arbeitsbereich Plastische Chirurgie geschaffen. 1981 erhielt die Klinik einen neuen Standort, einen erweiterten OP-Trakt und 45 Betten. 2 Jahre später, nach dem Tode Heiners, übernahm Dieter Schumann das Direktorat, 1986 auch den Lehrstuhl. Nach dem Ableben Professor Henkels 1976 erfolgte auch die Trennung der Prothetik und Kieferorthopädie. Rudolf Musil wurde auf den Lehrstuhl für Prothetik und Werkstoffkunde berufen. Nach dessen Emeritierung 1997 übernahm Prof. Dr. Edwin Lenz den Lehrstuhl. Prof. Dr. Heinz Graf übernahm 1977 die Leitung der Kieferorthopädie (1981 den Lehrstuhl) und Prof. Dr. Eike Glockmann leitet seit der Emeritierung Professor Langes 1991 die Konservierende Zahnheilkunde. Vier selbstständige Abteilungen mit entsprechenden Unterabteilungen bestanden, die mit der zwangsweisen Umbenennung in "Sektion Stomatologie" im Jahre 1984 den Status Klinik bzw. Poliklinik erhielten.

Traditionsreiche Ausbildungsstätte mit Perspektive

Bedingt durch die Wiedervereinigung Deutschlands konnte auch die Zahnmedizin in Jena aufatmen. In Hochschulen übliche Bezeichnungen wurden eingeführt und 1991 das "Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde" gegründet. In engem Miteinander arbeiten die zahnmedizinischen Fachgebiete im Interesse der Patienten. Profilbestimmende Forschung nimmt den ihr gebührenden Platz ein. Hauptanliegen ist die Ausbildung der Studierenden. 1993 entstand in der Bachstraße ein völlig neuer Behandlungssaal für die klinische Ausbildung. Gleichzeitig erfolgte eine Modernisierung und Rekonstruktion der Zahntechnik und der vorklinisch-propädeutischen Lehrräume. Mit der nach einer Entscheidung des Thüringer Parlaments erfolgten Schließung der Medizinischen Akademie Erfurt wurden 1993 die Voraussetzungen einer Fusion der bis dahin bestehenden beiden Ausbildungsstätten für Zahnmedizin in Thüringen geschaffen. Ein Prozess, der nicht schmerzfrei aber konstruktiv verlief. Seit 2006 besteht nurmehr die Zahnklinik in Jena. Zu den vier traditionellen Fachgebieten (mit entsprechenden Unterabteilungen) kam die Präventive Zahnheilkunde hinzu, und die Kinderzahnheilkunde - bisher Bestandteil der Konservierenden Zahnheilkunde - wurde dieser neuen Abteilung - die von Prof. Dr. Lutz Stößer geleitet wird - zugeordnet. Nach abgeschlossener Evaluierung, Bestätigung durch den Wissenschaftsrat und das Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst eröffnete sich für die traditionsreiche Ausbildungsstätte eine zukunftssichere Perspektive, sich im Wettbewerb deutscher Universitäten einen achtbaren Platz zu sichern. Lehrkörper, Mitarbeiter und Studierende sehen sich diesem Auftrag verpflichtet.

(nach einer Publikation von Prof. Dr. H. Graf)